Leerstand ist (Raum-)Wohlstand – Freiräume gestalten

KreativLab#5 in Lübz und Benzin nahm die Erschließung leerstehender Gebäude durch Kreative ins Visier

Wohlstand, Goldstaub und Tafelsilber – das sind nur einige der Wortschmeicheleien, die beim KreativLab #5 der Kreative MV in Lübz und Benzin gefallen sind. Dabei ging es nicht etwa um wertvolle Schmuckstücke aus edlen Metallen sondern um leerstehende Gebäude in MVs Städten und Dörfern

Von Manuela Heberer

„Freiräume gestalten: Wie erschließe ich leerstehende Gebäude mit kreativen Geschäftsideen?“ lautete das Thema, über das sich am vergangenen Dienstag Kreative und Vertreter der Kommune im Lübzer Kunstspeicher austauschten. Gastgeberin Julia Theek stellte zunächst ihr Projekt „Kunstspeicher Lübz“ vor, den sie seit fünf Jahren liebevoll restauriert hat, um dort 12 Gästezimmer in der Art eines Boutique-Hotels für Künstler und Interessierte anzubieten, die Kunst und Kultur in Lübz und Umgebung gestalten oder genießen wollen. In der hauseigenen Sommerkunstakademie finden Kurse und Workshops zu verschiedenen Themen wie Upcycling, Bildgestaltung, Kalligrafie, klassische Malerei oder Scratchart statt. Künstler können zudem im Atelier arbeiten oder die Räume für eigene Ausstellungen nutzen. Bürgermeisterin Gudrun Stein und Jan Salomon, Leiter des Fachbereichs Bau vom Amt Eldenburg-Lübz, zeigten sich sichtlich stolz auf das Projekt in ihrer Stadt und machten deutlich, dass sie auch für weitere Projekte ähnlicher Art offen sind und diese entsprechend ihrer Möglichkeiten fördern und unterstützen würden.

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Start des KreativLabs am Lübzer Kunstspeicher (Foto: Manuela Heberer)

Längst haben nicht alle Kommunen und Gemeinden das Potential leerstehender Gebäude, gerade im Zusammenspiel mit der Kreativwirtschaft, erkannt. Deshalb hat die Kreative MV dieses nun aufs Tableau gesetzt und veranstaltet am 25. September dazu eine landesweite Konferenz in Schwerin. „Alle reden vom Leerstand als etwas Negatives. Wir dagegen meinen, dass sich dahinter sogar ganz viel Positives verbirgt, regelrechter Wohlstand“, so Corinna Hesse von der Kreative MV. „Offenkundig ist es so, dass viele Kreative aus den Metropolen ihre Fühler mittlerweile ins Umland ausstrecken, weil in den Städten kein bezahlbarer Raum mehr zu haben ist. Das ist unsere Chance, hier genau zwischen diesen beiden Städten aktiv zu werden.“

Bei einer kleinen Ortserkundung in Lübz machten sich die Teilnehmer des KreativLabs ein Bild vom derzeitigen Leerstand in Lübz und diskutierten mögliche Nutzungsideen. Stefanie Raab, Inhaberin von coopolis, dem Planungsbüro für kooperative Stadtentwicklung in Berlin, machte in diesem Zusammenhang auf die Möglichkeiten und Chancen von Erbpachtverträgen statt billigem Verkauf aufmerksam. So würden die Kommunen nicht endgültig wertvollen Raum aus der Hand geben, den sie im schlimmsten Fall später wieder teuer dazukaufen müssten, sondern könnten diesen für nachfolgende Generationen als Allgemeingut erhalten. Gerade vor dem Hintergrund des sozioökonomischen Strukturwandels und der zunehmenden Landflucht von Großstädtern nach Mecklenburg-Vorpommern sei das eine sinnvolle Überlegung.

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Moderierter Stadtrundgang in Lübz mit der Expertin für kooperative Stadtentwicklung, Stefanie Raab (Mitte) und Jan Salomon, Leiter des Fachbereichs Bau vom Amt Eldenburg-Lübz (Foto: Manuela Heberer)

Auf dem Hof von Steinbildhauerin Claudia Ammann im nahe gelegenen Benzin erhielten die Teilnehmer anschließend einen vielversprechenden Einblick in die Arbeit von Architektin und Stadtplanerin Stefanie Raab in Berlin Neukölln. Aus dem zunehmend verarmenden Viertel entstand Anfang der 2000er ein hipper Kiez, indem die Eigentümer leerstehender Ladengeschäfte mit ins Boot geholt wurden. „Wir setzten uns mit ihnen zusammen und machten klar, dass Eigentum verpflichtet und sein Gebrauch zum Wohle der Allgemeinheit dienen solle, was Leerstand ganz sicher nicht tut“, erzählt Raab. „Den daraus entstehenden Prozess haben wir angeleitet und begleitet.“ Innerhalb von sieben Jahren sind so 150 Leerstände in Neukölln wiederbelebt worden. Auch im Fichtelgebirge ist Stefanie Raab mit ihrer Zwischennutzungsagentur aktiv, organisiert dort das Leerstandsmanagement in der Kleinstadt Bad Berneck – mit zunehmendem Erfolg. Ihr Credo ist, mit den Leuten vor Ort zusammen zu arbeiten, nicht von oben etwas aufstülpen, sondern die Bürger mit ins zu Boot holen. Das will sie auch in MV schaffen, arbeitet zusammen mit der Kreative MV an einer landesweiten Strategie des Leerstandsmanagements, welches sie ganz klar als wichtige Ressource für die demografische und ökonomische Entwicklung einer Region ansieht.

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Diskussion in der Bildhauer-Werkstatt von Claudia Ammann in Benzin (Foto: Manuela Heberer)

Die Teilnehmer diskutierten schließlich darüber, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit die Zusammenarbeit zwischen Kreativen, Kommunen, Immobilieneigentümern und Investoren gedeihen kann und sich Zwischennutzungsprojekte oder langfristige Ansiedlungen von KünstlerInnen und Kreativunternehmen ergeben. Schnell wurde klar, dass viele kreative Projekte mit dem Thema Raum in Verbindung stehen. Oft sind es Kreativschaffende, die ungenutzte Räume für sich entdecken und nutzbar machen wollen, sie damit „in Wert setzen“, wie Corinna Hesse von der Kreative MV meint. So hat der Künstler Kostka einen alten leerstehenden Getreidespeicher in Neubukow gekauft und möchte ihn zu einem Ausstellungsraum für seine 4D-Installationen entwickeln, Steinbildhauerin Claudia Ammann möchte Tanzböden und Veranstaltungsräume im Landkreis erschließen und wieder für Tanzveranstaltungen und Workshops beleben, Marco Voss von Filmland MV ist ständig auf der Suche nach spannenden Locations für neue Produktionen und Malerin Julia Theek möchte die leerstehenden Schaufenster von Lübz als Ausstellungsfläche für Kunstobjekte nutzen.

Corinna Hesse hat den Eindruck, dass das Potential kreativer Nutzungen leerstehender Gebäude allmählich erkannt wird. Neben Lübz zeigen auch andere Kommunen in Westmecklenburg Interesse an dem Thema, etwa Schwerin und Ludwigslust. „Kreative Raumpioniere fördern die Regionalentwicklung durch soziale Innovationen und schaffen Arbeitsplätze“, ist sie überzeugt. Nun gilt es, die richtigen Leute zusammenzubringen, damit aus den Ideen auch Realität werden kann. Vor allem diesem Austausch und der Anbahnung von Projekten dienen die regelmäßig stattfindenden KreativLabs an wechselnden Orten im Land.

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Viel Raum im Grünen: das Gehöft der Bildhauerin Claudia Ammann in Benzin (Foto: Manuela Heberer)

Nächster Termin: KreativLab#6

create_community_mv: Gemeinsame Kampagne planen und durchführen

21.6.2018, 15-19 Uhr

DAS ECK, offener Kunstraum Grevesmühlen |Am Bahnhof 4 | 23936 Grevesmühlen

Hier geht’s zur Anmeldung

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