Dokumentation Landeskonferenz Raumwohlstand 2018

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Dokumentation der Landeskonferenz zum Download: hier

Leerstand war gestern. Freiräume sind Zukunft!

Unter diesem Motto brachte die Landeskonferenz „Raumwohlstand MV“ fast 100 kreative Raumpioniere, Immobilieneigentümer, Kommunen, Wirtschaftsförderer und Politik im Schweriner E-Werk zusammen. Die Kreative MV, das Landesnetzwerk Kultur – und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern, hatte sich gleich mehrere Ziele für die Veranstaltung gesetzt. So sollte die Konferenz u. a. dazu dienen, Kooperationen anzubahnen, konkrete Raumerschließungsprojekte zu initiieren und einen Aktionsplan für eine Landesstrategie zur Erschließung der kreativen Raumpotenziale zu erarbeiten.

Ehrengast: Minister Christian Pegel

Darüber diskutierte auch Minister Christian Pegel, zuständig für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung im Land, und verwies auf die digitalen Innovationszentren, die demnächst in den größeren Städten im Land installiert werden sollen. Dort sollen Kreative, Freiberufler, Start-Ups, aber auch etablierte Unternehmen Büros und Gemeinschaftsräume mit entsprechendem Internetanschluss sowie Ateliers und Werkstätten nutzen können. Diese sollen sich in Zukunft bald selbst wirtschaftlich tragen. Deshalb installiere man diese Zentren auch bewusst in städtischem Umfeld mit Nähe zu den Hochschulen. „Von da aus darf sich die Idee natürlich gerne auch in die Fläche ausweiten“, sagte der Minister und reagierte damit auf Einwände aus dem Publikum. Diese bezogen sich insbesondere auf ein fehlendes vergleichbares Engagement im ländlichen Raum. Gerade dort sei eine gezielte Stadtentwicklungspolitik extrem wichtig, sagte Sabine Gollner von der Künstlerkolonie Fichtelgebirge. In einem Impuls stellte sie ihre Initiative in Nordbayern vor, wo mittlerweile erfolgreich leerstehende Ladengeschäfte, Bürogebäude und ehemalige Hotelbauten an Kreativschaffende aus den bayerischen Metropolen vermittelt werden.

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v.l.n.r.: Minister Christian Pegel, Veronika Schubring (Kreative MV), Mareike Donath (Stabstelle Digitalisierung im Energieministerium) – Foto: Manuela Heberer

Coworking statt Cowworking – Ansiedlungskampagne für Kreativunternehmen in MV

„Mit den steigenden Immobilienpreisen und Mieten in den Metropolen hat ein Trend zur Stadtflucht eingesetzt. Kreativunternehmen aus Hamburg und Berlin finden in Mecklenburg-Vorpommern attraktiven Raum, den sie sanieren, neu beleben und in Wert setzen“, sagte auch Corinna Hesse von der Kreative MV. Eine Frage der Konferenz lautete, wie sich dieser Trend stärken und befördern lässt. „Coworking statt Cowworking“ betitelten Sabine Gollner und die anderen Kreativen aus dem Fichtelgebirge eine Aktion, bei der sie per Überlandfahrt auf dem Traktor der heimischen Bevölkerung das Prinzip des gemeinschaftlichen Arbeitens mehrerer Einzelunternehmer, Freiberufler und Kreativer unter einem Dach bekannt machten. „Wenn man Leute aus den Städten anziehen will, ist es wichtig, deren Strukturen auch ein Stück weit mitzunehmen, auch wenn die Landbevölkerung damit zunächst vielleicht gar nicht viel anfangen kann.“ Dass da dennoch bereits eine Annäherung stattfinde, stellte auch der Geschäftsführer der Stadtwerke Schwerin, Dr. Josef Wolf, fest. So habe sich z. B. das E-Werk als Außenstelle des Schweriner Theaters fest an diesem Standort im ehemaligen Elektrizitätswerk etabliert, obwohl es zunächst nur als Übergangslösung gedacht war. Weitere kreative Nutzungsmöglichkeiten in den noch leerstehenden Gebäudeteilen seien nicht ausgeschlossen.

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Podiumsdiskussion: v.l.n.r.: Moderator Jörg Klingohr, Dr. Josef Wolf (Geschäftsführer der Stadtwerke Schwerin), Stefanie Raab (coopolis GmbH, Berlin), Andreas Rossmann (Architekt, Schwerin), Minister Christian Pegel, Veronika Schubring (Kreative MV/Warnow Valley, Rostock), Mareike Donath (Stabstelle Digitalisierung im Energieministerium)

Kreative Raumnutzung und Belebung von Leerstand

Wie für solche leerstehenden Immobilien kreative Raumnutzungskonzepte entwickelt werden können, war Thema eines Workshops. Corinna Scholz vom Leipziger Verein Haus halten e. V. brachte als Moderatorin ihre Erfahrungen als Stadtplanerin mit ein. So präsentierte sie zunächst das Vereinskonzept zur Rettung alter leerstehender Gründerzeithäuser. Mittlerweile hat der Verein fast 20 solcher Gebäude betreut, wieder nutzbar gemacht und so vor dem Verfall gerettet. Immer handelt es sich dabei um sogenannte Zwischennutzungen, das heißt der Besitzer stellt die Immobilie zu entsprechend günstigen Konditionen zur Verfügung, z. B. als Atelierwohnungen oder Ausstellungsräume. Die Künstler und Kreativen richten sich die Räume auf eigene Kosten entsprechend her und zahlen nur die Betriebskosten bzw. einen entsprechend niedrigen Mietzins. „Zahlreiche Beispiele aus ganz Deutschland zeigen, wie unter dem Einfluss der Kreativbranche ganze Stadtviertel von Problemzonen in lebenswerte und schicke Quartiere verwandelt werden,“ erklärt auch Corinna Hesse. Vor allem für den ländlichen Raum ergäben sich damit viele Chancen, dem zum Teil enormen Leerstand innerhalb der Städte und Dörfer entgegenzuwirken. So wurden bei der Konferenz beispielhafte Strategien aus städtischen und ländlichen Gebieten vorgestellt, wie Industriebrachen, Gutshäuser und Scheunen sowie leerstehende Gewerbeflächen belebt und aufgewertet werden können.

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Workshop mit den Architekten Corinna Scholz (Leipzig) und Andreas Rossmann (Schwerin): „Freiraum-Ideenwerkstatt: Transformation eines Industriekomplexes in ein Kreativquartier – das E-Werk in Schwerin“ | mit freundlicher Unterstützung der Stadtwerke Schwerin GmbH

Kreativquartier Warnow Valley in Rostock auf Wachstumskurs

Einen Effekt, den sich Schwerins stellvertretender Oberbürgermeister und Baudezernent Bernd Nottebaum vor allem auch in den Randbereichen der Stadt gut vorstellen kann. Vor allem in den Plattenbausiedlungen gäbe es mittlerweile erheblichen Leerstand, damit aber auch viel Freiraum für neue Ideen. Dass damit nicht nur eine Wiederbelebung und gesellschaftliche Aufwertung geschieht, sondern auch wirtschaftliche Effekte mit sich bringt, präsentierte eindrucksvoll Torsten Sohn als Quartiersmanager des Kreativquartiers Warnow Valley in Rostock. 48 Unternehmen und Organisationen haben sich mittlerweile in dem Barackenkomplex nahe dem Warnowufer angesiedelt. Die Vielfalt ist groß: Design, IT, Gaming, Filmproduktion, Musiker und Bands, bildende Künstler, Vereine sowie Coaching- und Beratungsunternehmen erwirtschafteten 2016 einen Umsatz von insgesamt ca. 1,5 Millionen Euro. Dabei bildete die Arbeit für Kunden innerhalb des Bundeslandes nur den kleinsten Anteil, 50 Prozent ihrer Einnahmen erwirtschafteten die Unternehmen des Quartiers bundesweit, 30 Prozent sogar international.

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v.l.n.r.: Lale Rohrbeck (Wir bauen Zukunft eG, Nieklitz), Bernd Nottebaum (Stadt Schwerin), Torsten Sohn (Warnow Valley, Rostock)

Kooperation von Kreativunternehmen, Kommunen und Eigentümern

Insofern diente die Konferenz auch dazu, die Bedeutung und das Potential der Kreativwirtschaft an den entsprechenden Ansiedlungsorten deutlich zu machen. „Vor allem die Wirtschaftsfördergesellschaften müssen endlich verstehen, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft höchst spannend ist“, sagte Architektin und Stadtplanerin Stefanie Raab vom Berliner Planungsbüro Coopolis. Zusammen mit ihrem Team schrieb sie Ende der Neunziger, Anfang 2000 die Erfolgsgeschichte von Berlin-Neukölln. „Eigentum verpflichtet“ war dabei die Devise, unter der Hausbesitzer an einen Tisch geholt und über ihre Verantwortung gegenüber der sozialen und gesellschaftlichen Entwicklung im Viertel aufmerksam gemacht wurden. Geringere Mieten, Chancen und Räume für Kreative, mehrere Freelancer als Mietgemeinschaft. Am Ende stand ein Prozess, bei dem ein ganzes Stadtviertel vom Schmuddelimage ins Hipsterkostüm wechselte. Ein solches Konzept kann sich die Kreative MV im größeren Maßstab für ganz Mecklenburg-Vorpommern vorstellen. In einem Workshop wurde deshalb auch über einen Aktionsplan für eine Landesstrategie zur Erschließung kreativer Raumpotenziale und Ansiedlung von Kreativunternehmen diskutiert. Ein Fazit daraus war, dass der politische Wille für solch eine landesweite Raumwohlstandsstrategie eine wichtige Grundvoraussetzung ist. Dabei könne man durchaus auf Initiativen der Bundesregierung aufsatteln, so Stefanie Raab. In jedem Fall müssen die Bürger vor Ort bei solchen Planungen mitgenommen werden. Möglicherweise böten sich aber auch Strategien auf Landkreisebene an. Die Vorteile lägen auf der Hand, so Raab: „Kreative füllen Räume, die sonst leer wären und können einen entscheidenden Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung von Mecklenburg-Vorpommern leisten.“

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Workshop „Freiräume für Freigeister schaffen – Aktionsplan für eine Landesstrategie zur Erschließung kreativer Raumpotenziale und Ansiedlung von Kreativunternehmen“

Aktionsplan für eine Landesstrategie zur Erschließung kreativer Raumpotenziale und Ansiedlung von Kreativunternehmen

„Hier ist aber auch der Wille des Landes gefragt“, sagt die Sprecherin der Kreative MV, Corinna Hesse. So sei eine vom Land getragene Kreativagentur als Anlaufstelle für alle Belange der Kultur- und Kreativwirtschaft sowie als Vernetzungsstelle zu anderen Wirtschaftszweigen, Politik und Verwaltung unbedingt notwendig. Diese könne z. B. auch bei der Vermittlung leerstehender Räume an Kreativunternehmen unterstützen, maßgeschneiderte Beratung für Kreativschaffende anbieten sowie im Bereich Fundraising für Kultur- und Kreativprojekte aktiv werden. „Der Zeitpunkt jetzt ist ideal, eine gezielte Kampagne für die Ansiedlung von Kreativunternehmen aus den Metropolen zu starten“, erklärt Corinna Hesse. „Mecklenburg-Vorpommern bietet den Freiraum, der in den Großstädten rar geworden ist. Wenn Wirtschaftsförderung, Standortmarketing und kreative Netzwerke eng zusammenarbeiten, werden wir die bereits bestehenden Keimzellen für Kreativcluster auch in Kleinstädten und Dörfern rasch entwickeln können. Das ist eine riesige Chance für unser Land.“

Entscheidend bei allem sei jedoch das Machen-Wollen um der Sache willen, so fasste es Moderator Jörg Klingohr alias Bauer Korl ein wichtiges Fazit am Ende der Veranstaltung eindringlich zusammen.

 

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