KreativLab #2

Online Marketing – Durchblick im digitalen Dschungel

KreativLab #2, 9.2.2017, Crossmedia-Agentur 13°, / Neubrandenburg

Wie mache ich im Netz auf mich aufmerksam? Diese große Herausforderung stand im Mittelpunkt unseres KreativLabs#2 in der Crossmedia-Agentur 13° in Neubrandenburg. Martin Horst, Experte für Cross Channel Marketing, gab uns Durchblick im digitalen Dschungel.

Hier findet Ihr die Dokumentation zum Download

 

Martin Horst

Das Wichtigste zuerst: Erzählt eine gute Geschichte.

Gut heißt: packend oder emotional oder authentisch oder informativ oder lustig oder reißerisch oder provokativ – alles, nur nicht langweilig. Marketing ist VERFÜHRUNG; Ihr wollt zuallererst die Aufmerksamkeit Eurer Zielgruppen. Sie schenken Euch ihr kostbarstes Gut: ihre Zeit. Wenn Ihr ihre Zeit verschwendet, weil Ihr sie mit Eurer Geschichte langweilt, werden sie Eure Produkte oder Dienstleistungen nicht kaufen. Ihr müsst Ihnen also zeigen, warum sie sich überhaupt mit Euch beschäftigen sollen. Schon das Ansehen oder Anhören Eurer Werbung muss einen Mehrwert bieten.

„Für unsere Müritzfischer-Kampagne haben wir zum Beispiel viel Content Marketing gemacht, die Leute vorgestellt, was machen sie auf dem Fischerhof und warum lohnt es sich für die Besucher, da hinzufahren. Und wir haben einen Song geschrieben, der echt fetzte.“ Martin Horst

Wie finde ich heraus, welche Geschichte meine Zielgruppen spannend finden? „Natürlich gibt es heute jede Menge Möglichkeiten, Nutzerdaten zu sammeln und Interessen herauszufinden“, sagt Martin. „Die Stärke der Kreativen ist aber: Empathie!“ Fühlt Euch in die Menschen hinein, die Ihr für Eure Produkte gewinnen wollt: Sind sie zu Hause, sind die unterwegs? Nutzen sie Smartphones oder Tablets oder Desktop oder Sprachassistenten? Sind sie verheiratet, Single, haben sie Familie? Sind sie hungrig oder satt? Je besser Ihr sie kennt, desto einfacher ist es, sie mit genau der Botschaft anzusprechen, die sie packt.

Maschinen können fast alles. Aber nicht fühlen. Die Menschen werden Euer Eis nur dann kaufen, wenn sie sich genau vorstellen können, wie es schmeckt!“

 

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Darauf brauchte es erstmal ein lecker Eis aus der hauseigenen Produktion, das zweite geschäftliche Standbein von 13°.

 

Dann plauderte Martin nochmal aus dem Nähkästchen: Sein persönliches Erfolgsrezept als Online-Marketing-Stratege? Verblüffend: gutes altes Empfehlungsmarketing. NICHT Online, sondern Face to face:

„Unsere Kunden haben wir fast alle durch Empfehlungen von zufriedenen Kunden gewonnen. Persönliches Netzwerken ist  das A und O. Wir haben nie Probleme, gute Nachwuchskräfte zu finden – warum? Wir machen echt coole Schüler-Praktika, bei denen die Jungs und Mädels eigene Projekte machen können. Das spricht sich rum!“

 

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Paul Sauerland, Lucas Treise, Marie-Luise Franz

Zeit für eine intensive kollegiale Beratung: Wie baut man eine gute Kampagne auf?

Lucas Treise und Paul Sauerland von Greifswald TV hatten eine Idee mitgebracht bzw eine Frage, die ihnen unter den Nägeln brennt: Warum geben Greifswalder Firmen soviele Kreativ-Aufträge nach Hamburg und Berlin, obwohl es in der Uni-Stadt Greifswald vor Kreativen nur so wimmelt? Eine Frage mit Sprengstoff, denn das Problem ist MV-weit verbreitet. Lucas und Paul wollen mehr Sichtbarkeit der regional ansässigen Kreativbranche erzeugen, indem sie eine Online-Plattform „Greifswald kreativ“ einrichten. So können potentielle Kunden auf einen Schlag sehen, welche Anbieter es in ihrem Umfeld überhaupt gibt. Das Budget für das Portal könnte über Crowdfunding eingeworben werden.

Martin Horst konnte eine krasse Anekdote zu dem Thema beisteuern: „Am Anfang haben wir ein zweites Büro in Hamburg eingerichtet, weil die Kunden es uncool fanden, eine Agentur in Neubrandenburg zu beauftragen. Mittlerweile hat sich das Image von MV etwas verbessert. Aber immer noch kann ich das Phänomen beobachten, dass Firmen aus MV zu wenig offensiv auf sich aufmerksam machen. Sie verstecken sich geradezu und erzählen nie, was sie können! Das Wichtigste ist zunächst, ein Netzwerk aufzubauen, präsent zu sein. So können wir gemeinsam zeigen, dass es in MV echt coole Kreative gibt. Wenn wir uns zusammentun, springen mehr Aufträge für alle raus. Ich sehe das Land in Verantwortung, das zu unterstützen – aber gleichzeitig ist jeder einzelne gefragt, sich zu beteiligen. Jeder muss die Erfahrung machen: Wenn ich etwas gebe, bekomme ich auch was zurück.“

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Anya Schlie von der Wirtschaftsförderung Mecklenburgische Seenplatte

 

Wege aus der Unsichtbarkeit

Anya Schlie von der Wirtschaftsförderung Mecklenburgische Seenplatte bestätigte das Problem der Unsichtbarkeit: „Ich habe eine Standortbroschüre für den Landkreis vorbereitet und habe Online nicht gefunden, welche Agenturen es in MV gibt, die ich beauftragen könnte. Es fehlen schlichtweg Namen, Zahlen und Daten. Ich denke, man müsste erstmal eine Basis-Datenbank schaffen, damit die Akteure auffindbar sind.“

Grit Gehlen von der IHK Neubrandenburg ergänzte: „Diese Datenbank müsste eigentlich MV-weit angeboten werden, nicht nur auf eine kleine Region beschränkt. Ich finde, dafür müsste von der Politik ein Budget freigegeben werden. Wir haben ja schon ein Netzwerk und eine Marke: die Kreative MV, die könnte das übernehmen.“

Ute Köpke vom Kreiskulturrat Mecklenburger Seenplatte wies darauf hin, dass die regionale Vernetzung vor Ort trotzdem wichtig bleibe: „Die Wege in MV sind sehr weit, daher braucht es regionale Stammtische, um sich auszutauschen.“

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Matthias Sachse (IHK), Ute Köpke (Kunsthaus Neustrelitz) und Paul Sauerland (Greifswald TV)

 

Welchen Mehrwert könnte neben dem „physischen“ Netzwerken ein Online-Portal bieten?

Für Marketing-Experte Martin Horst ist klar: „Ein Portal muss mehr sein als eine Ansammlung von Daten. Es müsste emotional an die Heimatverbundenheit der potentiellen Auftraggeber appellieren. Daher sollte nicht nur jede einzelne Firma auf sich selbst aufmerksam machen, sondern das übergeordnete Thema ‚Kreatives MV‘ bespielt werden. Es muss eine gemeinsame Geschichte erzählt werden: Wie cool es ist, in MV kreativ zu sein. Viele Firmen betreiben heute Standortmarketing, beispielsweise über Influencer, bekannte Persönlichkeiten, die erzählen, wie toll der Standort ist. Die Kreativen selbst können als Influencer auftreten, jeder ist ein Sprachrohr für die Branche und für die Region.“

Für die einzelnen Anbieter gilt wiederum: Wichtig ist, sich als Spezialist für eine ganz klar umrissene Leistung zu positionieren, keinen Gemischtwarenladen. Und man muss gute Referenzen anzuführen, damit die Qualität der Leistung kommuniziert wird. Martin: „Das kann man aber auch über die gängigen Online-Tools machen, dafür braucht man kein extra Portal. Bei Social Media gilt: Ich suche mir den Kanal, auf dem ich mich wohlfühle und der zu mir passt. Da werde ich dann aktiv. Ich kann unmöglich alle Kanäle bespielen, dazu fehlt den meisten Leuten die Zeit.“

Eine größere Reichweite erzielen oft Kanäle, die von den Anbietern neu installiert werden, wie Facebook Live oder Instagram Stories: „Hier wollen die Anbieter die Formate selbst promoten und öffnen die volle Reichweite, während sie die Reichweite bei anderen Formaten eher beschränken, damit die Kunden sich die Reichweite durch Werbung kaufen. Auch Podcasts sind interessant, weil man Audioformate besser nutzen kann, wenn man unterwegs ist.“

Fazit: Wir als Kreative MV bleiben an dem Thema Onlineportal dran! Wer Lust hat, sich an einem Kreativportal für Greifswald oder für ganz MV zu beteiligen, bitte melden: kontakt@kreative-mv.de

 

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Martin Horst (Agentur 13°), Paul Raddatz (Gründer), Johannes Sacht (Radio LOHRO)

 

Radio LOHRO

Unser zweites Praxisbeispiel im KreativLab stammte aus Rostock. Johannes Sacht stellte das Mitmach-Radio LOHRO vor, das eine Online-Kampagne zur Mitgliederwerbung starten will: „Das Problem ist, wir haben kein Budget für eine Kampagne, es läuft komplett ehrenamtlich.“ Hier war der Ansatz schnell klar: Hörer werben Hörer. In Zeiten von Streaming-Diensten reicht es für ein Radio nicht mehr aus, gute Musik zu spielen. Auch dafür ist Lokalpatriotismus eine wichtige Botschaft, nach dem Motto ‚unsere Stadt, unser Radio‘.

„Menschen folgen Menschen, nicht Marken“, heißt die Goldene Regel von Martin Horst: „Am einfachsten ist es, wenn Ihr die Menschen vor den Karren spannt, die Euch bereits unterstützen. Sie sind wie wandelnde Litfassäulen, Eure Influencer. Da Ihr ein Radio seid, habt Ihr ja schon Euren eigenen Kanal. Ihr könntet zum Beispiel eine große Radiosendung machen, bei der Hörer zu Wort kommen, die erzählen, warum sie Euch toll finden. Das zieht, weil es absolut authentisch ist.“

Wenn jeder Hörer ein privates Netzwerk von 30 guten Freunden hat, könnte die Mitgliederzahl schnell vervielfacht werden. Begleitend könnte auch ein eigener Youtube Kanal eingerichtet werden, auf dem Hörer eigene Videos einstellen können. Oder prominente Wirtschaftspaten könnten Einkaufsgutscheine für Neumitglieder bei LOHRO sponsern.

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Grit Gehlen schlug vor, dass die Kampagne nicht zu trocken sein sollte: „Warum nicht eine satirische Nachricht produzieren, dass Ihr nur noch ein rauschendes Programm haben werdet, wenn Ihr nicht neue Mikros kaufen könnt? Man könnte einen Spot unter der Dusche produzieren, mit Rausch-Faktor. Die neuen Mikros könnten dann nach Euren Neumitgliedern benannt werden, das Mikro ‚Holger‘ oder das Kabel ‚Melanie‘. Oder Ihr macht eine schräge Wunschmusik zur besten Sendezeit.“

Online lassen sich diese Maßnahmen flankieren durch eine interaktive Grafik, etwa ein Balken, der anzeigt, wieviel Mitglieder noch gebraucht werden, um das Studio neu einzurichten. Auf jeden Fall sollte für die Unterstützer klar sein, wofür ihr Geld verwendet wird – damit sie nicht denken, dass der Chef sich davon einen neuen Porsche kauft…

 

Fazit: Kreativität ist die ganze Miete. Je ungewöhnlicher die Marketing-Idee, desto mehr Aufmerksamkeit zieht sie auf sich. Auf welchem Kanal sich das Ganze abspielt, ist gar nicht die alles entscheidende Frage.

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Nach soviel Input war es Zeit, beim Buffet nochmal Kraft zu tanken für neue kreative Energie. Martin brachte seine neue Multi-Media-Wall an den Start, die eine schlichte Bürowand mit 3D-Effekten echt flashen lässt. Der Ideen-Brutkasten an dem Abend kochte auf einer entschieden höheren Temperatur als 13° – tausend Dank an unseren kreativen Gastgeber und die mega-produktive kollegiale Beratung in der Runde!!

 

Fragen und Anregungen? Unser Kontakt:

Kreative MV, kontakt@kreative-mv.de , www.kreative-mv.de, https://www.facebook.com/kreativsaison

 

Martin Horst freut sich, sein Wissen mit anderen Kreativen teilen zu können: „Uns treibt neben wirtschaftlichem Erfolg an, dass wir zur Strahlkraft der Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommerns bundesweit beitragen können. Wir möchten zeigen, welches kreatives Potenzial in Mecklenburg-Vorpommern steckt und dass es sich lohnt, hier zu leben.“

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Martin ist Inhaber von 13°, der Crossmedia-Agentur in Neubrandenburg, die 2015 den Kreativmacher-Wettbewerb MV gewonnen hat.