KreativLab #3

Kreativwirtschaft als Standortfaktor: Kreativquartiere planen und entwickeln

KreativLab #3, 28.2.2017, Schifffahrtsmuseum / Societät Rostock maritim e.V.

Kreativquartiere stellen in immer mehr Städten und Regionen einen maßgeblichen wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Innovationstreiber dar. Was macht ein solches Quartier aus? Welche Impulse gehen davon aus – für die Stadt und für die kreativen Akteure selbst? Wie gestalten sich die kollaborativen Arbeitsplätze der Zukunft? Und wie lassen sich Kreativquartiere nachhaltig und langfristig gemeinsam mit den Akteuren planen und entwickeln?

Im KreativLab#3 haben wir zentrale Schlüsselfaktoren für erfolgreiche Kreativquartiere sondiert.

 

Hier findet Ihr die Dokumentation zum Download

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Film-Opener: L.U.D.A. Events bringt die Kreisstadt Parchim zum Leuchten  © Foto: Matthias Marx

 

Die STRAZE in Greifswald

Zunächst stellte Anke Nordt vom Kultur- und Initiativenhaus Greifswald e.V. die STRAZE in der Stralsunder Straße 10/11 in Greifswald vor. Der Verein mit 25 überwiegend ehrenamtlich Aktiven hat eine 2013 GmbH gegründet, um das älteste Theatergebäude in Greifswald zu kaufen.

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Foto: http://www.straze.de

 

Das Nutzungskonzept wurde in einem Bottom-up-Prozess entwickelt:

„Wir haben die späteren Nutzer gefragt, wie sie das Haus gestalten wollen und was sie dafür brauchen.“, so Anke Nordt: „Das frühere Gesellschaftshaus soll wieder ein Gesellschaftshaus werden.“

Das machte die Planung zwar aufwändig, aber das Ergebnis ist mehr als beeindruckend. Der zentrale große Theatersaal soll wiederbelebt werden mit Kulturveranstaltungen. In offenen Werkstätten und Bürogemeinschaften können Kreativschaffende, aber auch Bildungsträger, NGOs und politische Initiativen ihre Angebote und Aktivitäten gemeinsam entwickeln. Ein Café wird genossenschaftlich betrieben. Die Bibliothek aus dem Nachlass des Zukunftsforschers Robert Jungk rundet das Bildungsangebot ab.

Die Sanierung der Bauruine mit dem letzten klassizistischen Emporensaal Vorpommerns kostet rund 5 Millionen Euro. Nicht zu wuppen für einen Verein? Von wegen! Die Finanzierung steht: ein Mix aus Privatdarlehen, Spenden, Bankkredit, und Fördermitteln (Innovatives Wohnen, Denkmalschutz, Energie, Barrierefreiheit). Die Refinanzierung erfolgt über die Vermietung des Wohnbereichs und der Veranstaltungsräume. Und nicht zu vergessen: Eigenleistungen! Die Subotniks sind legendär – nicht nur private Helfer, sondern auch Profis legen ehrenamtlich Hand an. „Im letzten Sommer gastierten 80 frei reisende Gesellen bei uns in Greifswald, danach war das Gebäude nicht wiederzuerkennen“, berichtet Anke Nordt.

Das Erfolgsrezept: Enthusiasmus ist ansteckend! Unser Votum: zur Nachahmung empfohlen!!

Hier findet Ihr den Link zur Präsentation

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Anke Nordt (links) im Gespräch mit Moderatorin Susanne Schrötter © Foto: Matthias Marx

 

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„Greifswalder Delegation“ mit den Filmemachern Paul Sauerland und Lucas Treise, Anett Hauswald (Kulturamt) und Fabian Feldt (Wirtschaftsamt) © Foto: Matthias Marx

 

Die WIESE eG in Hamburg

Unser zweiter Gastreferent, Andreas Lübbers von der Off-Bühne Hamburger Sprechwerk, präsentierte eines der größten Bauprojekte für die freie Theater-, Tanz- und Musikszene der Hansestadt: die WIESE eG, ein theatrales Produktions- und Bildungszentrum mit 2.400 Quadratmetern Fläche. Genügend Platz für Proberäume verschiedener Größen, die rund um die Uhr zur Nutzung bereitstehen. Denn Raum ist knapp in Hamburg, wo darstellende Künstler händeringend bezahlbare Flächen suchen. Sogar die etablierten Bühnen haben sich bereits für die Nutzung angemeldet, denn die kalkulierte Miete liegt bei 8,- Euro pro Quadratmeter – und für freie Gruppen, die gar keine Zuschüsse bekommen, bietet die WIESE einen absoluten Low-Budget-Nacht-Tarif von 3-4 Euro pro Quadratmeter an.

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Andreas Lübbers, Hamburger Sprechwerk / WIESE eG / http://sprechwerk.hamburg/ © Foto: Matthias Marx

AM 1.1.2019 wird die WIESE eröffnet. Der Weg dahin war lang – seit 2010 arbeiten Andreas Lübbers und seine MitstreiterInnen, verschiedene freie Theatergruppen, an der Realisierung ihres Traums. Die 3,2 Millionen Euro Gesamtkosten werden über Kredit, Bundeszuschüsse, einen privaten Investor, städtische Mittel und Spenden finanziert. 460.000 Euro an Eigenkapital bringt die eigens dafür gegründete Genossenschaft mit.

„Wir Betreiber wollten auf keinen Fall privat ins Risiko gehen, wir sind alles darstellende Künstler, von deren Arbeit die Stadtgesellschaft enorm profitiert, wir beleben das Quartier“, so Andreas Lübbers. „Also schlossen wir uns zu einer Genossenschaft zusammen, bei der wir nicht mit privatem Vermögen haften müssen, aber dennoch mitgestalten, mitverantworten und demokratisch entscheiden, was passiert.“

Ein Genossenschaftsanteil kostet 1.375 Euro. Jeder Teilhaber hat eine Stimme, egal wie viele Anteile er oder sie besitzt. Die Genossenschaft arbeitet gewinnorientiert, Überschüsse werden entweder ausgeschüttet oder reinvestiert. „Derzeit liegt unsere Kalkulation bei 3% Rendite“, kündigt Andreas Lübbers an: „Wo bekommt man das heute noch?“

Das Erfolgsrezept: Beharrlichkeit findet einen Weg! Unser Votum: Genossenschaften als Finanzierungsinstrument bieten eine gute Option, die Kreativen auch mit wenig Eigenkapital an ihren Produktionsstätten zu beteiligen.

 

Das WARNOW VALLEY in Rostock

Natürlich durfte auch der Standort Rostock nicht fehlen: Max Mittenzwei untersuchte in seiner Case Study für die Universität Greifswald das Kreativquartier Warnow Valley im Rostocker Stadthafen. 5000 m² Grundstückstück mit 1000 m² Nutzfläche in 3 Bürokomplexen: Hier haben sich ca 50 Unternehmen mit ihren Netzwerken eingemietet, überwiegend Einzelunternehmen, die Hälfte davon in der Gründungsphase. Max Mittenzwei rechnete vor, dass an diesem Standort 1,5 Millionen Jahresumsatz gemacht wird.

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„Warnow Valley Open Air“ 2016

 

8 Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft sind hier ansässig. Max Mittenzwei hat die Akteure ausführlich nach ihren Motiven befragt, um herauszufinden, was das „Arbeiten 4.0“ im Warnow Valley ausmacht:

  • Warum arbeiten sie selbständig? Mehrheitlich begründen die Akteure ihre Berufswahl mit großer Entscheidungsfreiheit, flexiblen Arbeitszeiten, Hierarchiefreiheit und persönlicher Entfaltung.
  • Welche persönlichen Ziele treiben sie an? Sie können ihre Stärken anwenden und ihre Leidenschaft verwirklichen – wirtschaftliche Ziele kommen für viele Akteure erst an zweiter Stelle.
  • Auch wenn 78% ihres durchschnittlichen Umsatzes durch Auftragsarbeiten erzielt wird, wollen die meisten das „intrinsische“ kreative Schaffen ohne externen Auftrag verstärken.
  • 90% der Befragten kooperieren mit anderen ansässigen Unternehmen. Das steigert die Umsätze und die Wahrnehmung, größere Aufträge können im Cluster realisiert werden. Diese Clusterstruktur ermöglicht flexibles Arbeiten im Team – ohne die Festanstellung von MitarbeiterInnen.
  • Durchweg wurde der Einfluss des Standortes auf die Unternehmensentwicklung positiv beurteilt. Die bescheidene Bausubstanz der Baracken spielt für die wenigsten Akteure eine wichtige Rolle; entscheidend für die Wahl des Standortes ist die entspannt-freundschaftliche und dennoch professionelle Arbeitsatmosphäre, die zentrale Lage und die gute Erreichbarkeit, die Nähe zu anderen Kreativen und die damit einhergehenden Synergien im Netzwerk, aus dem Wissen und Inspiration geschöpft werden.
  • Was fehlt? Vor allem Planungssicherheit: der langfristige Erhalt des Quartiers ist nicht gesichert. Die Raum-Kapazitäten reichen nicht aus, um alle Interessenten ansiedeln zu können und das vorhandene Wachstumspotenzial zu nutzen. Ein festes, zentrales Netzwerkmanagement, das Akquise und Öffentlichkeitsarbeit betreut, wäre vorteilhaft – aber ausdrücklich nicht als Agentur, sondern als eigener „Warnow-Valley-Weg“. 

    Das Erfolgsrezept: nachhaltiges, organisches, flexibles Wachstum. Unser Votum: Beeindruckend, wie hier ohne öffentliche Förderung innerhalb weniger Jahre „aus sich heraus“ ein florierendes Quartier entstanden ist, dessen Potenziale nun wissenschaftlich belegt sind!

    Hier findet Ihr den Link zur Präsentation

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Max Mittenzwei, Universität Greifswald © Foto: Matthias Marx

 

 

Kreativquartiere im internationalen Vergleich

Wir wollten natürlich wissen, wie sich die Quartiere in MV im Vergleich mit anderen Standorten darstellen und haben dafür Christian Rost eingeladen, der mit seinem Büro für urbane Zwischenwelten zahlreiche Quartiere untersucht und entwickelt hat. Denn:

„Der Standort-Wettbewerb der Städte um kreative Köpfe verschärft sich zunehmend“, prognostiziert Christian Rost. „Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist längst als Branche identifiziert, die interdisziplinärer, innovativer, krisenstabiler und unternehmerisch nachhaltiger wirtschaftet als andere Branchen.“

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Christian Rost, http://www.urbane-zwischenwelten.de/ © Foto: Matthias Marx

 

Aus Sicht der Stadtentwicklung spielen neben der Wertschöpfung und den Steuereinnahmen auch der Imagegewinn, die bessere Außenwahrnehmung und die Attraktivität für gut ausgebildete Arbeitskräfte eine große Rolle. Immobilien und ganze Stadtteile werden durch Kultur- und Kreativwirtschaft aufgewertet; Sichtbarkeit, Belebung und Verwertung gesteigert.

Manche Städte geben sehr viel Geld dafür aus: Wie Pilsen, das seine Zeit als Kulturhauptstadt Europas genutzt hat, um gemeinsam mit der Kreativszene sich ganz als Kreativ-Stadt zu positionieren. In Norddeutschland hat Christian Rost mit der Landeshauptstadt Kiel (www.kiel.de/kultur/kreative_stadt/) ein komplexes Entwicklungskonzept für die Kreativwirtschaft erarbeitet. Aber Geld allein ist nicht der ausschlaggebende Faktor für ein funktionierende Kreativquartier:

Das Wichtigste ist, dass die Akteure interagieren können. Manchmal ist niederschwellige Sanierung das beste Rezept. Was braucht es? Ein Dach über dem Kopf, Strom, Heizung, Internet. Der Gestaltungsanspruch der Akteure ist hoch, sie wollen ihr Quartier selbst entwickeln, mit möglichst wenig Vorgaben.

Christian Rost empfahl daher den zahlreich anwesenden städtischen Vertretern, auf die Akteure zu vertrauen, auf ihre Fantasie und ihre Gestaltungskompetenz. Dann sei die langfristige Nutzung am besten gesichert.

Und wie beurteilt der Experte den Standort Rostock im nationalen Vergleich? Christian Rost antwortet schlicht:

„Wenn ich diesen Vortrag in anderen Städten halte, nenne ich immer das Warnow Valley in Rostock als Paradebeispiel für das Arbeiten 4.0.“

Das Erfolgsrezept: kreative Gestaltungskompetenz. Unser Votum: MV soll endlich aufhören, sich zu verstecken!

Hier findet Ihr den Link zur Präsentation

Podiumsdiskussion: Erfolgsfaktoren für gelingende Kreativquartiere

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In der anschließenden Podiumsdiskussion (Foto v.l.) mit Christian Rost, Ellen Fiedelmeier (Expertin für Stadtentwicklung mit Sitz in der Rostocker Bürgerschaft ), Dorothea Reinmuth (EuSiB gAG Europäische Stiftung für innovative Bildung / Planung Kreativquartier Groter Pohl Rostock), Fred Schneider (IHK zu Rostock) und Veronika Schubring (Warnow Valley / Kreative MV) unter der kompetenten Leitung unserer Moderatorin Susanne Schrötter (projekt:raum / Warnow Valley Rostock) haben wir nochmal die wichtigsten Erfolgsfaktoren für gelingende Kreativquartiere diskutiert. © Foto: Matthias Marx

 

Erfolgsfaktoren für gelingende Kreativquartiere im Überblick:

  • Direkter Austausch der Kreativen mit der Verwaltung (Jour fixe, stetiger Dialog), Kultur der Offenheit, unkonventionelle Planungsprozesse, Fantasie, Ermöglichungskultur
  • Langfristige Standortsicherung
  • Flächenkapazität steigern, flexibles Wachstum ermöglichen, kreativen Gestaltungsspielraum ermöglichen
  • Überblick behalten: alle mitnehmen
  • Kreativraum-Förderung: niederschwellige Sanierung, bezahlbare Mietpreise
  • zentrales Community Management, stetige Netzwerkarbeit
  • Ökonomie der Zukunft / Arbeiten 4.0: Netzwerk / Cluster / Kollaboratives Arbeiten / Kleinteiligkeit als Stärke für nachhaltige Entwicklung / Mut zur Veränderung / Arbeit + Wohnen + Leben
  • Sichtbarkeit steigern: „laut Klimpern“
  • Sprachrohr, klare Positionspapiere
  • Branchenförderung als Landesthema ausbauen, Unterstützung und Wertschätzung durch die Politik
  • Stadtplanung: Außenbezirke erschließen, Erreichbarkeit sichern

Das Erfolgsrezept: langer Atem. Unser Votum: Dranbleiben!!

 

 

KreativLab: Vernetzung

Kurzvideo: Old Economy goes CoWork: Neueröffnung des Collabor8 der Otto Group in Hamburg

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IHK Präsident Claus Ruhe Madsen mit Wirtschaftsjunioren, dem stellv. Vorsitzenden des Wirtschaftsausschusses im Landtag Helmut Holter (Die LINKE) und Corinna Hesse (Kreative MV)

 

 

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Veronika Schubring (Kreative MV, projekt:raum im Warnow Valley, Rostock) mit Jochen Pfeiffer (Schifffahrtsmuseum) und Andreas Schubert (Stadt Rostock)

 

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Kirsten Schümer, Carsten Schiele (Rostock Business), Ulrike Nehls (Jakota Design Group) und Max Mittenzwei (Universität Greifswald)
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Künstler aus dem Warnow Valley: Björn Krause, Julia Kausch und Tobias Wolff

 

Unser Orga-Team dankt für Euer Interesse!

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v.l.: Susanne Schrötter, Teresa Trabert, Corinna Hesse vom Team der Kreative MV © Foto: Matthias Marx

KreativLabs sind branchenübergreifende Events, die die unternehmerische Qualifizierung stärken, inspirierende Kreativ-Orte in ganz Mecklenburg-Vorpommern entdecken und Kreativschaffende zu Erfahrungsaustausch und Kooperationen anregen.

Die KreativLabs finden im Auftrag des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit statt und werden von der Kreative MV – dem Netzwerk für Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern – durchgeführt.

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